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In Amritsar angekommen finden wir auf Anhieb den Bus, der einen umsonst zum goldenen Tempel führt – da wir nicht die Einzigen sind, wird der Bus so lange mit Menschen gefüllt bis selbst die Fliegen den Bus auf Grund von Platzmangel wieder verlassen.

Obwohl es erst früh am Vormittag ist, klettern die Temperaturen schon wieder jenseits der 30 Grad, doch da wir nun schon ein paar Wochen in Indien sind haben sich unsere Körper etwas an die Hitze gewöhnt und unsere Schweißdrüsen beginnen erst ab 35 Grad mit der Produktion. Hier im Bus ist dank der offenen Fenster ein bisschen Abkühlung vorhanden, Patrick steht gequetscht im Gang, ein Rucksack am Rücken und einer vor dem Bauch verschaffen ein bisschen Freiraum zum Atmen, während Anita auf dem Motordeckel Platz nehmen kann, der sich im vorderem Teil des Busses befindet.

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20 Minuten später findet der Bus sein Ziel direkt vor der Anlage zum goldenen Tempel. Der goldene Tempel und die Anlage darum ist auf der ganzen Welt etwas Einmaliges, denn hier ist jeder Mensch eingeladen zu freier Logie und kostenlosem Essen. So wird geschätzt, dass hier täglich zwischen 60.000 und 100.000 Menschen mit einer oder mehreren Mahlzeiten versorgt werden.

Um den Sinn darin zu verstehen, warum dem so ist ein wenig Hintergrundwissen:
Der Tempel in Amritsar ist das größte Heiligtum der Sikhs, mit 23 Millionen Mitgliedern weltweit bildet der Sikhismus die fünft-größte Religion der Erde. Gegründet im 15. Jahrhundert wurde der Sikhismus vor allem als Gegenbewegung zum Hinduismus und dessen Kastensystem, denn Sikhs beten nur einen Gott an, vor dem alle Menschen gleich sind, statt religiöser Dogmen wird vor allem die Suche nach Weisheit in den Vordergrund gestellt. Wie das funktioniert (oder funktionieren kann) ist im heiligen Buch niedergeschrieben, welches in Mitten des goldenen Tempels aufbewahrt wird und von jedem besichtigt werden darf.
Um Gott gnädig zu stimmen wird hier ein jeder mit Essen versorgt, und er darf in denTempelanlagen übernachten so lange er möchte, wer spendet oder etwas freiwillige Arbeit verrichtet bessert zudem sein eigenes Karma auf.

Wir stehen also nun da, und nach ein paar Minuten der Orientierungslosigkeit zwischen all diesen Menschen finden wir endlich die Unterkünfte für Touristen, für diese gelten nämlich etwas gesonderte Regeln: Zum einen genießen sie das Privileg, in eigenen Unterkünften auf Holzpritschen schlafen zu dürfen (die Sikhs oder Einheimischen schlafen teilweise auf dem Boden), zum anderen dürfen sie jedoch höchstens 3 Nächte dort verbringen.
Die Pritschen sind mit einer etwas dickeren Decke belegt, es gibt kleine Schränke in welchen man das Wichtigste mit einem Vorhängeschloss versperren kann und eine eigene “Dusche”, ein absperrbarer Raum mit Wasserhahn und Eimer, aber immerhin warmen Wasser. Und eine Waschmaschine in welcher man ebenfalls umsonst waschen kann. Es ist einfach aber voll in Ordnung – und wie gesagt, es kostet nichts. Man wird jedoch darum gebeten eine Spende abzugeben.
Bei unserer Ankunft treffen wir auf ein gerade abreisendes Paar, sie spenden 3 EUR für 2 Nächte. Es gibt in unserem Zimmer Platz für 4 Personen, aber noch scheint außer uns niemand da zu sein und so belegen wir 2 Plätze.

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Dann auf in die Tempelanlage zum goldenen Tempel! Die Anlage ist quadratisch und hat an jeder Seite, die einer Himmelsrichtung zugewandt ist, einen Eingang als Symbol der Offenheit gegenüber allen Menschen. Es gibt auch hier nur 2 Regeln zu beachten: Das Betreten wird nur barfuß erlaubt, die Füße müssen gewaschen sein, und eine Kopfbedeckung muss getragen werden.
Der Tempel liegt in einem heiligem See um welchen man komplett herumgehen kann und die Anhänger der Sikhs eine Heilige Waschung vollziehen können ähnlich dem Bad im Ganges.

Dieser Teil der Anlage wird dauerbeschallt mit Versen aus dem heiligen Buch, welche mit einer rhythmischen Hintergrundmelodie unterlegt sind. Jede Seite verfügt vielleicht über 20 Lautsprecher (Bose-System), somit ist das ein Surround-System mit 80 Lautsprechern! Wir schätzen, dass eine Seite ca. 250 Meter lang ist, somit ist eine Umrundung eine Strecke von einem Kilometer.

Es ist eine extrem friedliche und angenehme Atmosphäre, ein kompletter Gegensatz zur lauten und nervenaufreibenden Außenwelt! Und man ist freundlich, viele lächeln und wer des Englischen mächtig ist, versucht mit uns ins Gespräch zu kommen, Hände werden geschüttelt und Geschichten ausgetauscht. Hier kann man entspannen, und wir wollen 3 Tage hier verbringen.

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Als logisch denkender Mensch steht natürlich sofort die Frage im Raum wie das mit dem kostenlosen Essen funktioniert beziehungsweise wie wird das finanziert? Das Essen wird durch Spenden finanziert, unseren Quellen nach kauft der Küchenchef täglich für 14.000 EUR ein. Die Küche und die komplette Instandhaltung der Anlage basiert auf Freiwilligen und auch wir haben vor mit zu helfen. Ein paar Festangestellte gibt es aber dennoch, das sind zum Großteil die Köche die nicht von Freiwilligen unterstützt werden, um die Qualität des Essens zu gewährleisten. Aber das Zuarbeiten, also das Schneiden von Gemüse, Schälen der Zwiebeln oder des Knoblauchs wird wieder von Freiwilligen getätigt, genauso wie das Abspülen.

Am Eingang zum Essensaal angekommen werden einem sofort Tablett, eine Schüssel für das Wasser und ein Löffel in die Hand gedrückt, dann heißt es anstellen. Das Problem hierbei ist: Inder kennen das Prinzip von Anstellen nicht, und auch wenn das Essen hier umsonst ist, wird gedrückt, gedrängelt und gequetscht bis die Knochen sich biegen! Am besten ist es das Tablett samt Schüssel und Löffel über dem Kopf zu halten, da sonst diese drohen, sich in den eigenen Körper zu bohren.
Gegessen wird auf 2 Ebenen, je nachdem welche frei ist, gelangt man nach dem Gedränge in einen Saal auf dem lange schmale Teppiche ausgelegt sind auf welchen man sich im Schneidersitz einfindet, sein Tablett vor sich auf den Boden stellt und auf das Essen wartet. Man blickt auf seine Gegenüber, hier sitzt jeder neben jedem, egal welcher Sexualität, Alters oder Herkunft. Dann kommen die Männer (hier bedienen nur Männer) mit den Körben voll Chapati, jeder bekommt zu Beginn zwei Stück nachdem er bittend seine Hände aneinander hält und damit das Brot auffängt.
Dann kommen die Männer mit den Eimern, sie laufen mit Schöpfkelle von Tablett zu Tablett und schmeißen regelrecht die Linsensuppe, den Reis, das Gemüse oder den Kokosbrei auf die Teller, natürlich geht da auch einiges daneben. Irgendwann kommt noch das Wasser, fertig. Man hat ca. 15 Minuten Zeit zu essen, nachnehmen darf man so oft man will.

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Danach kommen die Männer die den Boden wieder säubern, im unteren Saal gibt es dafür sogar eine Maschine. So geht das 20 Stunden durchgehend, und alles hier funktioniert nach dem Chaosprinzip: jeder kommt und geht wann er will, egal ob zum Abwaschen, Gemüse schneiden, Chapati machen, Tee kochen oder Essen verteilen, und so passiert es manchmal dass man nicht immer einen vollen Teller hat da die Person mit dem Kokosbrei diesmal eben einfach nicht an einem vorbeigekommen ist. Aber das passiert höchst selten.

Wir genießen dieses Gemeinschaftsgefühl, das Essen schmeckt köstlich und niemand, der uns eine Rikscha oder Ähnliches anbieten möchte.

Da wir von vielen Personen gehört haben, ein Besuch im Kino in Indien sei ein Erlebnis, beschließen wir Abends ein Kino aufzusuchen. Für 1 EUR wird man eingelassen, aber der Saal ist leer bis auf einen Sikh und einem israelischen Pärchen, dass uns in der Pause auf einen Joint einladen möchte, was wir dankend ablehnen. Normalerweise soll es im Kino immer sehr laut zugehen und die Zuschauer schreien/weinen/fürchten sich lautstark gemeinsam, aber diesmal ist nichts. Da wir nur 5 Leute im Saal sind wird die Pause von 20 Minuten auf 2 Minuten verkürzt, das israelische Paar kommt demnach zu spät zurück. Der Film ist auf Hindi, es wird aber erstaunlich viel Englisch gesprochen, so dass die Handlung einigermaßen klar wird.

Gegen 22:30 Uhr kommen wir wieder im Tempel an, in unserem Zimmer haben sich inzwischen Mona und Robin eingefunden, ein Pärchen aus China. Und so schlafen wir vier in unserer ersten Nacht im Tempel auf unseren harten Betten ein, während draußen die Menschen auf Decken auf dem Boden schlafen.

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Am nächsten Tag helfen wir nach dem Mittagessen gemeinsam mit vielen anderen Freiwilligen beim Abwasch, und fahren am Nachmittag mit Robin und Mona gemeinsam zur 35 km entfernten Grenze zu Pakistan, wo täglich eine großes Fest zur Schließung der Grenze über Nacht veranstaltet wird.
Tagsüber ist die Grenze offen, nachts wird sie geschlossen, und diese Schließung hat sich zu einer so großen Zeremonie entwickelt, dass auf beiden Seiten der Grenze große Zuschauertribünen aufgebaut wurden, wobei die indische Seite gewöhnlich von mehr Zuschauern bevölkert ist als die pakistanische.
Die Zuschauer werden von Anheizern aufgemischt und aufgefordert zu schreien “Gesegnetes Indien” und dabei möglichst die andere Seite zu überschallen, untermalt mit viel Musik aus eigens dafür angebrachten Lautsprechern.
Bühnenreif bringen dann die Grenzwächter in einer perfekten Choreografie die Tore zum Schließen und die Fahnen auf beiden Seiten werden herabgelassen, ständig unter tosendem Beifall der Zuschauer.

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Zwischen unseren Tätigkeiten wie Essen oder Helfen wandern wir immer wieder um den goldenen Tempel, sehen den Fischen zu oder beobachten wie der See gereinigt wird. Und immer wieder Händeschütteln.

Vor dem Tempel gibt es 2 Läden, ein Coca Cola Laden und einen Nescafé: zwei mal täglich kommt ein Lastwagen mit Kästen voller Getränke der Coca Cola Company (komplett gespendet) und diese werden für umgerechnet 8 Cent die Flasche verkauft, der Kaffee bei Nescafé kostet grob 13 Cent. Natürlich ist auch hier das Gedränge riesig.

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Nach einem unserer Essen fragen wir ob wir uns die Küche ansehen dürfen, und ja, wir dürfen! So zeigt man uns die riesigen Kochtöpfe, die vorbereiteten Eimer für die herumlaufenden Männer, und wir sehen Frauen die durchgehend die Chapati Brote vorbereiten. Wir fragen nach der Maschine von der wir gehört haben, ja die gibt es, sogar zwei davon, Maschinen die mit der handvoll Zutaten, die benötigt werden, mehrere tausend Chapati am Tag backen!

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Erst beim Packen bemerken wir dass etwas fehlt: unser Bär welcher uns vor der Abreise geschenkt wurde um vor allen wichtigen Stationen ein Foto zu machen! Wir durchsuchen alles noch einmal ganz genau, er saß auf unseren Betten um zu markieren dass diese besetzt seien, aber er ist nicht mehr aufzufinden! Und so bleibt es leider auch, und so bleiben uns nur die paar Bilder mit Ihm!

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Am Ende begeben wir uns noch auf ein kleines Abenteuer, wir nehmen das günstigste aller Verkehrsmittel um in kühleren Gegenden des Himalaya zu kommen: den öffentlichen Bus. Aber wir schreiben ja nicht mehr so viel über unsere Busfahrten.

Lieber noch ein paar Bilder zum Ende:

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