Zusammenfassung: leicht krank in Agra angekommen, verstauen wir unser Gepäck am Bahnhof und wollen uns Tickets für den selben Tag nach Udaipur kaufen, da erfahren wir das die Züge für die nächsten Tage ausgebucht seien. Wir kaufen in einem dubiosem Reisebüro ein Busticket für den selben Abend, und besichtigen das Taj Mahal. Zu Mittag treffen wir Amy in Begleitung mit Antonia wieder, verbringen den restlichen Tag in einem traumhaften Park und beobachten ein Gewitter. Am Abend steigen wir nach viel Verwirrung in einen Bus, der uns holpernd 15 Studen später in Udaipur absetzt.

Lange Version:

Nachdem wir nicht in einem Zug reisen, in dem jeder ein abschließbares Schlafabteil sein Eigen nennen kann, wie man es vielleicht aus Agatha Christie’s “Mord im Orientexpress” kennt, behalten wir unsere Klamotten auch im Schlaf an, der Schweiß ist inzwischen getrocknet und wir duften auch nicht sonderlich, oder wir riechen es einfach nicht mehr.

12 Stunden nach unserer Abfahrt in Varanasi kommen wir in Agra an, der meist besuchten Stadt Indiens, es ist 6 Uhr morgens und da hier so viele Touristen sind, haben wir uns noch im Zug dazu entschlossen, am Abend des selben Tages wieder abzureisen. Die Klimaanlage im Zug war zudem ziemlich kalt, und wir fühlen uns beide krank.
Da die Zugtickets erst ab 8 Uhr verkauft werden, und wir kein Hotel haben in dem wir uns noch entspannen oder unsere Rucksäcke abstellen können, suchen wir die abschließbaren Schränke für Gepäck, finden aber nur einen Raum der sich als Gepäckaufbewahrungsstelle ausgibt und alles andere als vertrauenswürdig aussieht: offene Regale an den Wänden, kein richtiger Boden, alles ist braun vor Dreck und am Eingang sitzen zwei Männer vor Registerbüchern. Erst nachdem wir uns weitere 10 Minuten lang versichert haben, dass dieser Raum wohl die einzige Möglichkeit für uns bietet unser Gepäck los zu werden, lassen wir unsere Sachen im Tausch zu 30 Cent dort.

Wir treffen auf Ken aus Japan – hier sind deshalb auf so viele Japaner, da dort gerade 3 Wochen Ferien sind – und auch Ken wartet auf die Öffnung des Ticketschalters um 8 Uhr.
Da unsere Mägen knurren, laufen wir vom Bahnhof zum nächstem Markt, wo wir drei für 30 Cent pro Person jeweils einen Chai Tee und indisches Brot mit Butter bekommen, auf einfachen Bänken an der Straße sitzen und gemeinsam mit vielen Einheimischen und ein paar Kühen die ersten Sonnenstrahlen des Tages genießen.

Gegen 8:10 Uhr wissen wir, das der Zug nach Udaipur – unser nächstes Ziel – schon ausgebucht ist, genauso wie auch an den folgenden vier Tagen. So machen wir uns auf, einen Bus zu finden, am besten mit Schlafmöglichkeit inklusive.

Wir erzählen hier oft, wie billig so viel hier ist, aber das ist nicht mit allem so, denn man wird in einer Tour über’s Ohr gehauen. Jeder Rikscha-Fahrer probiert es immer erst mal mit dem fünffachem Preis, und da man nicht immer weiß was der angemessene Preis ist, wird es oft schwierig zu verhandeln. Inzwischen weiß ich, dass in eine Rikscha 4 Liter Benzin passen, womit sie 150km weit kommen, und ca. 200 Rupies für einen vollen Tank bezahlen, aber sich versuchen es doch immer mit ca. 120 bis 150 Rs das Handeln zu beginnen.
Zudem sind wir Touristen, und auch wenn wir von einem Einheimischen erfahren, dass eine Fahrt zu Station X nur 20, maximal 30 Rs kostet, finden wir keinen einzigen Fahrer der uns für diesen Preis fährt, erst bei 40 Rs stimmt einer grimmig zu. Um zu laufen ist es teilweise schlicht zu heiß und stickig.
Auch die Übernachtungen liegen bei ca. 10 – 15 Euro, (dafür sind die Zimmer und Bäder aber tip top), und die Zugfahrt nach Agra kostete uns insgesamt sogar 40 Euro.

Ken hat sich am Bahnhof mit anderen Japanern zusammen getan, und wir machen uns auf die Suche nach der Busstation. Wir finden einen Rikschafahrer der halbwegs gutes Englisch spricht und uns von einem Bus erzählt der um 19 Uhr nach Udaipur fährt und dazwischen nur drei Haltestellen anfährt. Er fährt uns zu einem Reisebüro, wir protestieren, weil wir genau wissen, dass wir hier mehr bezahlen müssen, er aber bleibt standhaft und behauptet dies sei die einzige Möglichkeit für uns Schlafplätze zu bekommen, an der offiziellen Busstation bekäme man nur Sitzplätze.
Die Diskussion ist ermüdend, wir haben 12 Stunden Zugfahrt hinter uns, kein Bad, die Klamotten seit über 24 Stunden an, und wir fühlen uns beide nicht auf der Höhe, so lassen wir uns erstmal darauf ein, erfragen den Preis, finden 9 Euro pro Person in Ordnung und kaufen uns ein Ticket, wenn auch mit leicht mulmigen Gefühlen.

Danach fahren wir zu der Sehenswürdigkeit Indiens, die auf allen Postkarten und Werbungen immer zu sehen ist: Das Taj Mahal.
Das Taj Mahal ist ein Mausoleum für die Hauptfrau des Großmoguls Shah Jahan, die während der Geburt Ihres 14.ten Kindes verstarb. Es gibt 2 Kategorien für den Eintrittspreis: die für Einheimische, der Preis liegt bei knapp 30 Cent, und die für Ausländer, hier liegt der Preis bei ca. 10,20 €.
Nachdem wir uns den beeindruckenden Bau angesehen haben, die obligatorischen Fotos geschossen wurden – auf welchen uns die Erschöpfung anzusehen ist – finden wir im Park eine Bank auf der wir uns für eine Stunde im Schatten der Bäume ausruhen.

Auch wenn es erst 10 Uhr ist, steigen die Temperaturen ohne Halt in Richtung 30 Grad. Als wir uns aufmachen um ein Café oder Ähnliches zu finden, treffen wir Amy wieder, die wir zuvor am Bahnhof in Varanasi sahen und den selben Zug Richtung Agra nahm. Amy hat inzwischen Gesellschaft von Antonia, einer Studentin aus Freiburg. Da die beiden ebenfalls auf der Suche nach einem Mittagessen sind, schließen wir uns zusammen und kurze Zeit später setzen wir uns in einem auf dem Dach gelegenen Restaurant nieder, wo wir nicht nur gemeinsam essen, sondern auch die nächsten drei Stunden entspannen.

Amy und Antonia hatten sich für eine Nacht in Agra schon eine Unterkunft besorgt und können sich an einen Natur Park erinnern an welchem sie vorbeikamen, und schlagen diesen als Nachmittagsbeschäftigung vor.

In Indien wird es ungern gesehen, wenn Paare in der Öffentlichkeit “Händchen halten” oder sich gar küssen, aber dieser Naturpark, der 50 Rs Eintritt kostet, ist ein Rückzugsort vor den Augen der Außenwelt und wir treffen fast ausschließlich junge indische Paare die verliebt im Gras oder unter Bäumen sitzen. Es ist ruhig und der Park ist groß und grün, nach einiger Zeit treffen wir auf einen kleinen See, der leider nicht sehr sauber aussieht, aber eine schöne kleine Brücke führt über die Wasserquelle an der Patrick kurz seine Füße reinhängt, das Wasser ist jedoch so warm dass es die erhoffte erfrischende Wirkung verfehlt.
Es wird immer schwüler als wir einen Hügel, auf welchem sich ein kleiner überdachter Platz befindet, entdecken, ähnlich dem Parapluis am Tegernsee. Verschwitzt oben angekommen werden wir mit einem traumhaften Blick über den Park belohnt, zu dessen Ende das Taj Mahal hervorragt und uns mit seinem weißem Marmor erstrahlt. Nach einer Stunde beginnt es zu donnern, dann setzt Regen ein der mit der Zeit immer stärker wird, es donnert laut und wir sitzen trocken oben zusammen, und überblicken das Grün, die schweren wassergefüllten Wolken, und das immer dunkler werdende Taj Mahal, bis das Gröbste überstanden ist und wir den Abstieg wagen.

Doch nun auf zu unserem Bus, beziehungsweise erst zu der Gepäckaufbewahrungsstelle, an welcher sich hoffentlich immer noch unsere Rucksäcke befinden, und zwar unbeschadet. Wir verabschieden uns von Amy und Antonia und treffen auf unseren Rikschafahrer, der gerade keine Zeit hat uns zum Bahnhof zu fahren, er würde aber in 30 Minuten nachkommen und uns dann zu der Busstation bringen.
Unser Gepäck ist unbeschadet und unangetastet, und nach diesem ruhigen Tag fühlen wir uns beide schon etwas besser. Als nach 40 Minuten immer noch nichts von unserem Fahrer zu sehen ist, versuchen wir selbst mit den am Bahnhof wartenden Scharen von Rikschas zu verhandeln, doch scheint niemand genau den Weg bzw. den Ort zu kennen, welcher auf unserem Busticket vermerkt ist. Inzwischen wissen wir auch, dass wir uns mehr hätten wehren müssen als wir zu dem Reisebüro gefahren wurden, denn wir haben ziemlich genau das doppelte des im Reiseführer angegebenen Preises bezahlt. Ein Einheimischer, der auf seinen Freund wartet der ihn vom Bahnhof abholen soll, hilft uns und schließlich finden wir einen Fahrer, der uns zu einem Busbahnhof bringt.

Dort angekommen zeigen wir am Informationsstand unser Ticket vor, und müssen erfahren dass wir bei einem Privatunternehmen gebucht haben, welches gar nicht von öffentlichen Busbahnhöfen wegfährt. Und wieder ist die Erholung des ganzen Tages verflogen, es sind immer noch die gleichen Klamotten, die schweren Rucksäcke und die jetzt nassen Strassen, die alle gemeinsam an unseren Nerven ziehen, und ähnlich wie beim Tauziehen haben sie uns schon fast über die Linie gezogen, an welcher das Spiel für uns verloren wäre.

Kann ein Fahrer das Ziel zu welchem man möchte nicht identifizieren, so steigen die anderen aus ihren Rikschas aus und versuchen zu helfen. So bildet sich schnell eine kleine Menschentraube um uns und unser Ticket, unser gewünschtes Ziel: das Reisebüro. Da Inder einem immer helfen wollen, sagen sie auch oft “Ja”, selbst wenn sie keine Ahnung haben, aber im Lauf der Zeit entwickelt man ein leichtes Gespür dafür, und wir finden einen Fahrer der das Büro kennt und uns dort hinfährt, für 40 Rs die eindeutig zu viel sind, aber wir haben ihn vom 70 Rs schon auf 40 Rs gebracht, und ganz verscherzen möchten wir es in unserer Situation auch nicht. Er fährt uns zu dem Reisebüro, in welchem man uns leicht verdutzt ansieht, wir erklären unser Anliegen, und man zeigt uns den Weg zu der angeblichen Busstation: wir sollten nur 100 Meter weiter gehen, dann links und nochmal 100 Meter weiter, dort stünde unser Bus. Patrick besteht darauf dass man uns hinführt, doch unser Rikschafahrer, der noch vor Ort geblieben ist und alles mitbekam, erklärt sich bereit uns dort ohne weitere Gebühr hin zu bringen, und nach einer Fahrt über ca. 600m kommen wir zu einer Art Hinterhof/Müllhalde/Busstation, es ist 18:55 Uhr und unser Bus steht dort tatsächlich, unser “Bett” ist frei und befindet sich im oberen Teil, wir verstauen unsere Sachen auf dem Bett, stellen fest das wir die einzigen Touristen sind, und offensichtlich auch die einzigen die Englisch oder eine andere Fremdsprache sprechen.
Anita versucht zwar sich mit Händen und Füßen mit dem Mann auf dem Nachbarbett zu unterhalten, aber außer dass er mit seinen Söhnen verreist, und er mit dem Bus weiter fährt wie wir, können wir nichts verstehen. Er versucht zwar zu erklären was er von beruflich macht, aber nach drei gescheiterten Versuchen geben wir alle auf.

Nach einer Minute Fahrt ist uns klar: wir können hier nicht schlafen! Stoßdämpfer waren vielleicht mal vorhanden, jetzt sind sie es aber definitiv nicht mehr, und wir heben samt unserer Rucksäcke ein paar Zentimeter ab, wenn wir über ein Schlagloch fahren – und daran mangelt es bei weitem nicht.

Immerhin sind wir in einem Bus, und nachdem wir verstanden haben dass unser Bettnachbar, der wahrscheinlich nur einen Bruchteil von unserem Preis bezahlt hat, weiter fährt als Udaipur, sind wir relativ sicher auch im richtigen Bus zu sitzen, beziehungsweise zu hüpfen. Es ist heiß und eine Klimaanlage ist nicht vorhanden und machen wir das Fenster auf ist es zu laut, zumindest solange wir uns noch durch die Stadt quälen.
Nach ein paar Stunden ist uns noch etwas klar: die angeblich nur drei Haltestellen zwischen Agra und Udaipur, sind mehr als positiv ausgedrückt gewesen. Aber der menschliche Körper kann sich an einiges gewöhnen, und so schaffen wir es trotz der kurzen Flüge in die Luft für ein paar Stunden Schlaf zu finden, natürlich ständig unterbrochen durch lautes Hupen, laute Streitereien um Sitzplätze an den Haltestellen, Telefongesprächen oder der Musik aus den Handys, die uns ständig begleitet. Eines hat der alte Bus was die Deutsche Bahn bis heute nicht komplett schafft: Steckdosen an jedem Sitzplatz – somit ist die musikalische Untermalung unserer Reise jedenfalls gesichert. Wir essen ein bisschen mitgebrachtes trockenes Brot und versuchen wenig zu trinken, denn Toiletten gibt es hier nicht. Bei einer Haltestelle versuchen wir uns aus dem Bus zu kämpfen um unsere Notdurft zu verrichten, inzwischen stapeln sich die Menschen, selbst auf dem Boden schlafen sie und zwar so dicht, dass dieser nur noch zu erahnen ist, aber wir werden schroff mit einem “no toilet” zurückgewiesen, und meinen zu verstehen dass wir an der nächsten Station raus dürfen.
Wir dürfen auch tatsächlich an der nächsten Station raus, da hier nur Straßen sind biegen wir in eine dunkle Gasse ab und kommen erleichtert wieder zurück in den Bus. Es ist 5 Uhr morgens, angeblich sollen wir um 7 Uhr ankommen, aber selbst unser eigenes Navi im Handy, welches dank den vorhandenen Steckdosen mit genügend Strom versorgt ist, zweifelt immer mehr an einer pünktlichen Ankunft. Aber es wird langsam hell, und wir können aus dem Fenster sehen, zum ersten Mal auf unserer Reise, denn bisher sind wir nur in dunklen Nächten gereist.
Das aus dem Fenster blicken ist auch das so ziemlich Einzige das wir machen können, lesen ist unmöglich bei dem ständigen Abheben, nicht einmal Bilder auf der Kamera, geschweige denn das iPad lassen sich gut in der Hand halten. Einmal fliegen wir alle so deutlich in die Luft, dass Patrick sich den Kopf leicht an der Decke stößt und auch aus dem restlichen Bus hört man lautes Gestöhne.
Langsam fahren wir ins Aravalligebirge hinauf, an den Straßenrändern erscheinen immer mehr Marmorhändler und Fabriken, bis wir schließlich nach 15 Stunden Fahrt um 10 Uhr morgens in Udaipur aussteigen – es sind immer noch die gleichen Klamotten die wir seit Varanasi anhaben, die uns die Zugfahrt nach Agra und die Busfahrt nach Udaipur am Körper klebten, aber wir sind schließlich angekommen!

Inzwischen haben wir als Faustregel, pro Kilometer Fahrt in einer Rikscha ca. 10 Rs zu bezahlen, beziehungsweise ist das wohl ungefähr der Preis für die Einheimischen. Antonia hatte uns noch in Agra von einem sehr nettem Hotel in Udaipur erzählt, und dank des Navi wussten wir, es war 3,1 km von unserem Ankunftsort entfernt.
Der erste Rikschafahrer wollte 80 Rs, Patrick brachte ihn immerhin auf 50, Anita hätte auch 100 bezahlt nur um in ein Bett zu kommen.

Es ist ein traumhaftes Hotel, mit Blick auf den Pichola-See, dem im Wasser gelegenen Lake Palace, einem Luxus Hotel ab 200 EUR die Nacht, und die kleine Stadt Udaipur, die von den umliegenden Bergen umrahmt wird. Wir genießen die Aussicht und schlafen bis zu nächstem Morgen durch, nachdem wir eine heiße Dusche genossen. Hier werden wir ein paar Tage bleiben und ausspannen, beschließen wir – die sich ständig wiederholende Musik aus den Handys der Mitreisenden im Bus klingt immer noch leise und rhythmisch in unseren Ohren nach.

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