Die Busfahrt spottet jeglicher Beschreibung, in Amritsar bei 37 Grad eingestiegen hat es inzwischen kühle 8 Grad Celsius, und der Bus ist mit offenem Fenster gefahren. Es ist 6 Uhr morgens, Patrick steigt auf das Dach des Busses um die Rucksäcke zu holen und dann sehen wir uns um.
Berge, Wald und gute Luft. Das Himalaya! Wir befinden uns auf ca. 1950m in Manali, lassen uns aber ins 200m höher gelegene “Old Manali” fahren, da hier nicht die großen Touristenhotels stehen sondern sich die kleineren Budgethotels befinden, welche zudem noch einen schöneren Blick auf das Tal und die Berge bieten.
Leider ist noch kein Zimmer frei, und so wandern wir nochmal 40 Minuten in die Stadt runter, danach wieder hoch – essen ein hervorragendes Frühstück in Raju’s Café, die Sonne kommt hervor wodurch es schlagartig warm wird und dann bekommen wir endlich unser Zimmer.
Im Gegensatz zu unseren bisherigen besuchten Orten ist Manali komplett anders:
Durch das kühle Klima gibt es keine Hütten sondern nur Häuser, keine Menschen, die des Nachts auf der Straße schlafen, und diese sind auch nicht so dreckig und staubig. Auch die Menschen sind anders, die Augen werden schlitzig und sie sind nicht aufdränglich.
Unseren Alpen ist es doch schon sehr ähnlich, aber hier laufen ein paar Affen und Yaks herum – ein Yak haben wir bei uns zumindest noch nicht gesehen.
Nach der Hitze und diesem kleinen Heimatsgefühl in den Bergen können wir richtig aufatmen. Die Reise hierher war… Naja wie wenn ein Linienbus mit offenen Fenstern eben auf die Zugspitze hochfährt, über nicht befestigte Straßen, und so ruhen wir den Vormittag erst noch in unserem Zimmer aus.
Noch etwas ist anders: obwohl wir uns auf über 2000m befinden, scheint das hier eine Internet-Hochburg zu sein, jeder Laden wirbt mit “Free-Wifi”, ebenso unser Hotel – nur das hier die Internetverbindung gerade nicht geht. Zum Glück ist fast niemandem hier der nähere Sinn von Passwörtern bekannt, und so setzt sich Patrick kurz in das Internetcafé gegenüber, loggt sich mit dem Passwort 1234 auf den dortigen Router ein und liest das WLAN Kennwort aus: 12345678.
Am Nachmittag suchen wir eine Wanderkarte, leider ohne Erfolg – überall werden Trekkingtouren angeboten, die über mehrere Tage gehen und auf 5000m und mehr verweisen, aber die Zeit und die Ausrüstung haben wir nicht – wir sind schon froh unsere Jeans und jeweils eine Fleecejacke dabei zu haben.
Immerhin finden wir gegen Abend noch Angorakaninchen – Notiz an Patrick: Gegen Angorakaninchenhaare bist du offensichtlich allergisch!
Für das Bild mussten wir bezahlen – und so unterlassen wir es noch auf einem Yak zu sitzen um auch davon ein Bild zu haben. Lieber vorschlafen für die Wanderung morgen!
Die Wanderung
Ob das Gen in seiner Familie liegt oder es nur von seinem Vater übernommen wurde, weiß Patrick nicht – was es auch ist – er hat es auch: Positiv formuliert könnte man es Abenteuerlust nennen – die Fähigkeit sich auf jedem Berg zu verlaufen, wenn auch immer nur ein ganz klein bisschen (Sorry Dad).
De ersten Meter sind noch klar auf einem Weg und wir treffen sogar andere Touristen, die seltsamerweise vom Berg heruntersteigen, dabei ist es gerade einmal 9 Uhr. Manche rutschen auch eher auf dem Hintern hinunter.
Die nächsten Touristen die uns schon wieder entgegen kommen, weisen uns lautstark darauf hin dass wir es nicht mehr weit bis zur “Party” hätten. Party?
Wir folgen einer Gruppe indischer Frauen die auf den Berg wandern um dort oben Gräser zu schneiden die sie dann in großen Körben hinunter ins Dorf tragen, und nach 15 Minuten weiteren Anstiegs hören wir schon die Bässe und die Musik.
Zwar ist die “Party” offenbar schon vorbei, ein Schild verrät uns dass es sich um eine ständige Einrichtung handelt, aber der DJ legt noch weiter kräftig Chill-Out Musik auf die ein paar Übriggebliebene der letzten Nacht noch genießen. Oder sie haben es bisher noch nicht geschafft wieder auf zu stehen.
Wir hatten vergessen zu erwähnen dass Cannabis hier an jeder Ecke wächst, ein weiterer Motor für den lokalen Tourismus. Und offenbar wächst es auch noch hier oben, getreu dem Motto “High in Himalaya”!
Als wir an der “Party” vorbeigehen und weiter unser Ziel – den Gipfel – verfolgen, dreht sich eine der Frauen um und frägt höchst verdutzt: “No Party?”
Wir antworten mit den selben Worten und suchen weiter unseren Weg, der teilweise breit, manchmal nur noch ein Pfad ist und an manchen Stellen in alle Richtungen zu weisen scheint, irgendwann sind auch die Frauen in eine andere Richtung gelaufen.
Also nur noch wir zwei. Patrick stiert weiter nach oben, und es geht extrem steil, ob wir noch auf dem richtigen Pfad sind, wissen wir nicht. “Oben kommen schon alle Wege zusammen” denkt er sich. Anita verkündet Ihre Zweifel.
Irgendwann eine Markierung, ein rot markierter Stein! Das kann nicht schlecht sein, und je weiter wir dem Pfad folgen umso breiter und besser wird dieser. Gegen 13.00 Uhr machen wir unsere erste kleine Pause, da sehen wir weiter unten Affen aus den Bäumen springen.
Weiter oben hört der Weg aber irgendwie auf, beziehungsweise wir können Ihn nicht mehr ausmachen. Aber der Gipfel sieht nicht mehr weit entfernt aus – Anita ist da nicht ganz der gleichen Meinung – und wir entscheiden uns (Patrick entscheidet) Querfeldein weiter zu gehen.
Am Anfang geht es auch noch ganz gut, aber dann wird das Gestrüpp immer dichter, Patrick sucht einen Ausweg, aber immer nach de nächsten Bergkuppe wird die Lage noch aussichtsloser bis unsere Tätigkeit schon in Klettern ausufert. Irgendwo auf ca. 3200 Meter gestehen wir (Patrick) uns ein: es geht kaum mehr weiter.
Der Gipfel scheint nun wirklich nur noch einen Katzensprung entfernt, aber die Zeit spielt gegen uns denn wir wissen dass ab 17 Uhr die Sonne hinter dem Berg verschwindet. Immerhin das wissen wir, so stehen wir da auf einem Berg dessen Name uns unbekannt ist irgendwo im Himalaya, unter uns ein weiter Abgrund.
Noch etwas scheint Patrick von seinem Vater übernommen zu haben, bisher merkte er es nur nach langen Skitagen, diesmal zum ersten Mal beim Wandern: Schmerzen im linken Knie. Weitere Notiz an Patrick: Orthopäden aufsuchen nach der Reise!
Wir entscheiden uns zur Umkehr. Einen unvorsichtigen Moment später knickt der linke Fuß von Patrick ab, das schon ohnehin mitgenommene Knie versucht den Sturz abzufedern, und mit zwei kleinen Schmerzensschreien liegt er zu Boden am Hang zwischen Sträuchern.
Der Abstieg gestaltet sich daher etwas schmerzvoller als geplant. Nach einer Stunde sehen wir in einem Waldstück einen Hund herumlaufen, die Zunge hängt Ihm fast bis zum Boden und auch er scheint den rechten Weg nicht mehr zu finden. Er freut sich uns zu sehen, und auch wir sind angesichts eines weiteren Mitleidenden nicht unfroh.
Wie Hunde eben so sind schließt er sich uns an – wir nennen ihn Lost – den Verlorenen. Lost ist sichtlich erschöpft, wann immer es Ihm möglich ist meidet er die Sonne und bleibt im Schatten, wir finden eine Quelle und er trinkt ein bisschen, und je tiefer wir kommen umso besser geht es ihm. Mal geht er zwischen uns, dann wieder ein bisschen voraus so als würde er den Weg kennen, aber er wartet immer auf uns und entfernt sich nie mehr als 10m von uns. Sein Fell ist sauber, und nach ein paar Annäherungsversuchen bekommt er die erste Streicheleinheit.
Wir finden zwar auch runter nicht wirklich einen Weg – ab und zu zwar schon kleine Pfade aber die verlaufen sich wieder – doch irgendwann befinden wir uns in einem ausgetrocknetem Flussbett welches für uns halbwegs einen Weg bietet. Patrick’s Fuß schmerzt immer noch, aber wir sind schneller wieder im Dorf “unten” als wir dachten. Lost folgt uns bis zu unserem Hotel, erst da müssen wir uns von Ihm trennen.
Tags darauf sind die Schmerzen in Patrick’s Fuß noch da, und so nehmen wir diesen um uns ein bisschen in der Sonne zu bräunen und Texte für den Blog zu schrieben.
Am Tag unserer Abreise verschicken wir noch ein Paket, es soll ca. 3-4 Wochen dauern, wir verstauen ein paar Souvenirs und unseren Indien Reiseführer darin, und für 30 Euro Versandkosten nimmt das Päckchen seinen weiten Weg nach Deutschland auf.
Delhi
Zurück in Delhi müssen wir noch ein bisschen Zeit verbringen bis unser Flug um 23 Uhr startet, Delhi ist immer noch laut, aber nach all diesen Wochen und Erlebnissen wirkt es alles nicht mehr so schlimm, nicht so erdrückend. Mit großer Selbstsicherheit durchstreifen wir nun die Märkte, machen Witze mit den Straßenhändlern und handeln sie runter, essen am Straßenimbiss und auf der Fahrt zum Flughafen ist ein bisschen Wehmut in unseren Augen.
Indien hat uns zwar sehr gestresst, aber man kann sich daran gewöhnen, und dann ist es eine traumhaft schöne Erfahrung und für uns eine ewige Erinnerung!
Mit dem Fuß ist wieder alles in Ordnung, nur Lost haben wir in den Tagen danach nicht mehr wieder gesehen.

















